Die Bür­ger­ver­ei­ni­gung Dich­ter­viertel wurde am 22. Mai 1987 gegründet. Das Dich­ter­viertel ist nur ein kleiner Aus­schnitt des heu­tigen Stadt­teils Dorn­busch und wird im Norden durch die Hügel­straße, im Westen mit der Eichen­dorff­straße, im Süden durch die Straße Am Dorn­busch begrenzt, und im Osten ist die U-Bahn Linie auf der Eschers­heimer Land­straße die bedau­er­liche Tren­nungs­linie inner­halb des Stadt­teils Dorn­busch. Diese Tei­lung des Stadt­teils wird so lange bestehen bleiben, bis hof­fent­lich eines Tages die U-Bahn doch noch unter die Erde kommen kann, was schon so oft ver­geb­lich gefor­dert worden ist.

Von einer Geschichte dieses Dich­ter­vier­tels kann erst ab Beginn des 20. Jahr­hun­derts die Rede sein. Damals ent­stand ein Wohn­ge­biet zu beiden Seiten der Eschers­heimer Land­straße vom Dorn­busch im Süden bis zum weißen Stein im Norden. Im Osten erstreckte sich dieses neue Wohn­ge­biet in Rich­tung Ecken­heim und dem Westen bis zur Grenze des damals schon exis­tie­renden Stadt­teils Ginn­heim, auf­ge­lo­ckert mit vielen Bäumen. Der bekannte alte Lin­den­baum in Eschers­heim sei hier als beson­deres Bei­spiel erwähnt. In diesem vor­wie­gend grünen Bereich bauten vor allem Frank­furter Bürger ihre Wohn­häuser, von denen es heute noch viele gibt und die dieses Wohn­ge­biet geprägt haben. Zeit­zeugen, die in den zwan­ziger und drei­ßiger Jahren ins Ziehen-Gym­na­sium Oder in die Ludwig Richter-Schule gingen, erzähle noch heute gar zu gern von den schönen Zeiten, die sie in diesem Viertel erleben durften. Sie erzählen aber nichts von einem Stadt­teil Dorn­busch, den es für sie damals jeden­falls noch nicht gegeben hat.

Wenn ein Bewohner des Dich­ter­vier­tels gefragt wurde, wo dieses Viertel denn sei, da hat man voll Stolz aller­dings geant­wortet, dass das Viertel am Dorn­busch sei. Nicht nur weil die Straße „Am Dorn­busch” die süd­liche Begren­zung ist, son­dern weil „Dich­ter­viertel am Dorn­busch” auch einen guten Klang hatte.

Erst all­mäh­lich ent­wi­ckelte sich ein noch sehr spär­li­cher Auto­ver­kehr. Die Stra­ßen­bahn­li­nien 23, 24 und 25 waren die eigent­li­chen Ver­kehrs­mittel bis zur Haupt­wache und zum Haupt­bahnhof.

Damals waren im heu­tigen Gebiet des Dich­ter­vier­tels die Straßen ent­standen, die alle Namen bekannter Dichter erhielten; — worauf die Bewohner heute noch sehr stolz sind. – Mit großer Freude haben kürz­lich die Mit­glieder der Bür­ger­ver­ei­ni­gung einen Spa­zier­gang durch ihr schönes Viertel gemacht, und dabei wurde über jeden der 18 Dichter ein Vor­trag gehalten.

Glück­li­cher­weise wurden wäh­rend des Krieges nur einige Häuser durch Bomben beschä­digt. In den Jahren nach dem Krieg ist dann bald mit schnell wach­senden Auto­ver­kehr eine ganz neue Situa­tion ent­standen. Heute braust über die Eschers­heimer Land­straße der Ver­kehr von Norden her mor­gens in die Stadt und am Abend zurück, haupt­säch­lich gespeist über die Hügel­straße als Zubrin­ger­ver­kehr zu den Auto­bahnen.

Manche der alten Häuser könnten eine Geschichte erzählen: da ist vor allem das Haus in der Gang­ho­fer­straße zu erwähnen, in dem Anne Frank (geboren am 12. Juni 1929) wenige Jahre gewohnt hat. Sie starb als Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­fol­gung 1945 im KZ-Lager von Bergen-Belsen.

Die Inhaber-Familie von T & N (Tele­fonbau und Nor­mal­zeit) haben hier ihre Häuser gebaut: der Senator Lehner in der Gustav Freytag Straße, sein Sohn Fritz Lehner in der Klaus Groth-Straße und die Villa der Engels in der Grill­parz­er­straße. Bevor dieses Haus abge­rissen wurde, war es der Tatort einer zwei­tei­ligen Sen­dung „ein Fall für zwei”.

So wohnten dort auch Fritz Dietz, der Prä­si­dent der Frank­furter Indus­trie- und Han­dels­kammer, in der Klaus Groth-Straße, die Schrift­stel­lerin Miele Braach bis zu ihrem hun­dert­zweiten Lebens­jahr in der Eichen­dorff­straße, Hilmar Hoff­mann in der Lili­en­cron­straße, Karl Beil­harz, Inhaber von M. Schneider, in der Grill­parz­er­straße, Luise Zorn in der Grill­parz­er­straße und Doktor Thomae, Chirurg und bekannt durch seine Frisch­zellen-The­rapie, in der Lili­en­cron­straße.

Anfang der Acht­zi­ger­jahre ent­standen leider zwei ver­hält­nis­mäßig hohe und große Flach­dach­häuser, die so gar nicht in das Viertel passen. Um wei­tere der­ar­tige Neu­bauten zu ver­hin­dern, haben sich damals zahl­reiche Bürger mit einer Unter­schrif­ten­ak­tion bei der Stadt beklagt und zum Schutz eine Erhal­tungs­sat­zung für das Dich­ter­viertel bean­tragt. Die Stadt hat diesem Anliegen ent­spro­chen, und mit dieser Sat­zung konnte dann auch erreicht werden, dass sich wei­tere Neu­bauten besser in das Bild dieses Wohn­vier­tels ein­fügten.

Diese erfolg­reiche Aktion hat dazu geführt, dass man im Inter­esse der Men­schen in diesem schönen Viertel in einem Verein zusammen bleiben wollte. Dem kürz­lich ver­stor­benen Dr. Karl-Heinz West­phal ist es haupt­säch­lich zu ver­danken, dass 1987 die Bür­ger­ver­ei­ni­gung Dich­ter­viertel gegründet wurde, deren Vor­sit­zender er bis 2005 war.

Zweck dieses Ver­eins, der heute über 100 Mit­glieder zählt, ist in erster Linie die Erhal­tung des Cha­rak­ters dieses Vier­tels mit seinen Häu­sern und mit seinen zahl­rei­chen alten Bäumen. Dazu gehört auch der Umwelt­schutz durch Anre­gung bei Behörden und in der Öffent­lich­keit zur Ent­las­tung des Ver­kehrs, Rein­hal­tung der Luft und Ver­min­de­rung der Lärm­be­läs­ti­gung. Bei der Pflege von Heimat und Kultur geht es um Aus­flüge im Rhein-Main-Gebiet, um Vor­träge und Rezi­ta­tionen auch in Mundart, Besich­ti­gungen, Schloss­kon­zerte in Weil­burg.

Beson­ders wichtig ist die Pflege guter Nach­bar­schaft. Dreimal im Jahr trifft man sich bei gemüt­li­chen Bei­sam­men­sein und beim Som­mer­fest unter den Linden in der Klim­schan­lage oder in Gärten im Viertel. In der Klimsch-Anlage hat der Verein vor Jahren eine Linde selbst gepflanzt, und des­halb feiern die Erwach­senen dort gern bei Äppel­wein und Bier und die Kinder bei Kas­per­theater und lus­tigen Spielen.

Ein Groß­teil der Mit­glieds­bei­träge ist für aus­ge­wählte Spenden vor­ge­sehen. Zuletzt waren dies Bei­träge für die Kin­der­villa in der Gustav Freytag-Straße, für Fit­ness­ge­räte für die Männer der Feu­er­wache am Mar­bachweg und fürs Alters­heim in der Hügel­straße.

Hubert Buss (2007)

 

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Flur­plan von 1899; zur Ver­fü­gung gestellt von Ilse Hen­ning. Ihr Eltern­haus nahe der Kreu­zung Diebs­grundweg / Eschers­heimer Land­straße (heute Nr. 285) war das ein­zige, das damals exis­tierte. Das Dich­ter­viertel bestand aus auf­grund der hes­si­schen Erb­tei­lung sehr schmalen Flur­stü­cken.

 

Erin­ne­rungen ans Dich­ter­viertel

 

1951 sind wir aus der Eva­ku­ie­rung in der Rhön wieder nach Frank­furt gekommen. Wir waren eine große Familie: fünf Mädels, zwei Haus­an­ge­stellte und zwei Hunde.

Herr Meyer, der Haus­ei­gen­tümer, wohnte im jet­zigen Kin­der­garten in der „Gustav”. Er besaß auch einen Tafel­obst­garten (Nummer zwölf), den er an uns ver­kaufte.

Das Haus an der Ecke Gustav- Freytag/​Liliencronstraße beher­bergte einen Schwes­tern­kon­vent mit Kapelle, da war man als Katholik zur Messe will­kommen.

Die Eichen­dorff­straße war damals nur am Anfang zwi­schen Dorn­busch und Lili­en­cron­straße bebaut, der nörd­liche Teil war Feldweg mit Brom­beer­he­cken bis nach Bocken­heim. Man sagt, es war ein alter Han­delsweg schon der Römer nach Nida.

Am Ende der Eichen­dorff­straße baute Mitte der fünf­ziger Jahre die Allianz ihre Sied­lungen in der Wil­helm Busch-Straße und später die „Amis” ihre Hou­sing area bis zur Hügel­straße.

In der Wil­den­bruch­straße (jetzt Spiel­platz) war noch eine alte zer­fal­lene Zie­gelei – ebenso soll auch in der Gang­ho­fer­straße 24 (der Garten liegt tiefer) eine Ton­grube gewesen sein. Am Ende der Grill­parz­er­straße (neben Trappes) war bis circa 1973 die Gärt­nerei Müller-Klein, die dann nach Usingen zog – Bau­land war teuer.

Die Klaus Groth-Straße war auch geteilt, da dort die Gärt­nerei Lenz ihre Felder hatte.

 

Auf der Rai­mund­straße fuhr die Stra­ßen­bahn Nummer 17, ein Wagen, der Anschluss nach Ginn­heim. Des­halb wurde sie Ginn­heimer Lies­chen genannt. Außerdem gab es dort zwei Tank­stellen – eine Esso, wo heute Aldi ist, und eine Shell an der Stelle des heu­tigen ira­ni­schen Kon­su­lats.

Ein­kaufen ging man an den großen Straßen Eschers­heimer und Dorn­busch. Beliebt war das Café Rup­pert an der Ecke Roseg­ger­straße (jetzt indi­sches Restau­rant). Ein Geschäft für Obst und Süd­früchte führte Familie Jung an der Stelle, wo heute die Com­merz­bank ist; an der Ecke Lili­en­cron­straße (jetzt Tier­futter) gab es früher Bäcker- und Kolo­ni­al­waren.

An der Ecke Malß­straße befand sich das Far­ben­haus Rieger; am Dorn­busch daneben Aral Tank­stelle mit Auto­re­pa­ratur – später Michael Deu­er­ling. Auf der Eschers­heimer stadt­ein­wärts rechts befand sich ein kleiner Foto­laden, Reb, sodann ein Metzger, dann Blumen Lembke, anschlie­ßend Gast­haus Schlund mit schönem Garten und an der Ecke das Kauf­haus am Dorn­busch (heute Sani­täts­haus). Das Kauf­haus führte Reiß­ver­schlüsse, Knöpfe und war bekannt für gute Repa­ratur von Lauf­ma­schen – denn „Nylons” waren teuer.

Am Dorn­busch gab es Brillen Gillen, Zoo Dull, und die Bäckerei Grün an der Ecke Eichen­dorff­straße. Der Dorn­busch war mit einem Kaiser’s Kaf­fee­laden gut bestückt (Ecke Mar­bachweg), und Büro Bunz sorgte für alle Schul­tüten und –hefte. Unsere Dro­gerie hieß Bäckle (diese Familie waren die direkten Nach­mieter der Familie Frank in der Gang­ho­fer­straße). 1972 zog ich dann dort mit Familie und phy­sio­the­ra­peu­ti­scher Praxis ein.

Am Dorn­busch stand mitten auf der Kreu­zung ein Poli­zist, unser Schupo, in einer runden rot-weissen Trommel, und regelte den Ver­kehr. An Weih­nachten war er meter­weise von Wein und Plätz­chen­tüten ein­ge­engt (auch der Ver­kehr).

Mitte der Fünf­zi­ger­jahre wurde auf den Korn­fel­dern und Wiesen, die bis nach Ecken­heim reichten, die Dorn­busch­sied­lung mit tollen Geschäften und einem Bür­ger­haus gebaut. Pfüller, Uhren-Christ, Spiel­zeug Behle – alle guten Geschäfte aus der Innen­stadt kamen zu uns. Mit dem U-Bahn Bau teilte sich die Straße, und man konnte nur schwer die andere Seite errei­chen – das war der Tod dieser Geschäfte!

Kaja Janssen

 

Mile Braach: Rück­blende – Erin­ne­rungen einer Neun­zig­jäh­rigen

 

Fischer Taschen­buch Verlag, Frank­furt am Main 1992 [über ZVAB anti­qua­risch erhält­lich]

Mile Braach wurde 1898 in Frank­furt a. M. geboren und starb im Jahr 1998. Die Schrift­stel­lerin und Unter­neh­merin lebte lange im Dich­ter­viertel und ist in vieler Hin­sicht eine Zeit­zeugin. Sie war Tochter des Leder­fa­bri­kanten Otto Hirsch­feld und seiner Frau Mari­anne gebo­rene Koe­nitzer. Ihr wurde das Bun­des­ver­dienst­kreuz und die Ehren­pla­kette der Stadt Frank­furt ver­liehen. Ihr Grab befindet sich auf dem Haupt­friedhof, Gewann J 727.

Nach­fol­gend Aus­züge aus Rück­blende; zur Roseg­ger­straße 15

Seite 46

Die Woh­nung in der Wolfs­gang­straße war zu eng geworden, und des­halb mie­teten die Eltern 1909 ein Haus in der Roseg­ger­straße 15, auf dem Weg nach Eschers­heim gelegen. Damals war das „ziem­lich weit draußen“. Hier hatte die Gärt­nerei Sinai ihre Rosen­kul­turen inmitten von Fel­dern.

Die Stra­ßen­bahn Nr. 23 wurde das Ver­kehrs­mittel für uns. Noch bis 1908 hatte eine Dampf­bahn – die soge­nannte „Kno­che­mühl“ – zwi­schen dem Eschen­heimer Turm und Eschers­heim Dienst getan. Jetzt fuhr die Elek­tri­sche, und ab 4. Mai 1910 konnte man sogar Bad Hom­burg mit der Stra­ßen­bahn Nr. 25 errei­chen.

Im Gegen­satz zu dem Haus in der Wolfs­gang­straße hatten wir jetzt eine Zen­tral­hei­zung und außerdem Gas­ver­sor­gung. Die Petro­le­um­lampen ver­schwanden, wurden teils auf Gas­be­nut­zung umge­ar­beitet. Der große kup­ferne Lüster im Eßzimmer und andere Beleuch­tungs­körper wurden einige Jahre später noch­mals moder­ni­siert und auf Elek­tri­zität umge­stellt. Es ward allent­halben Licht.

Kanal­an­schluss gab es zunächst in der Roseg­ger­straße nicht. Alle paar Wochen kam ein dre­ckig aus­se­hender Mann mit seiner Pumpe, um die Grube aus­zu­saugen. Sehr zum Inter­esse vor allem der beiden Buben. Einmal bespritzten sie den „Schorchi“ – so hieß er wohl – vom Balkon aus mit Wasser. Der Pumper rief herauf: „Na – speuzt ihr da owwe?“ Wütend wurde er nicht.

Als 1910 der Kanal gelegt wurde, war das für den Bruder Robert so inter­es­sant, dass er alles dar­über vergaß, auch die Schul­ar­beiten. Das Zeugnis war mise­rabel, so daß der Klas­sen­lehrer eines der Eltern in die Schule bestellte. Als die Mutter kam, war seine Frage: „ Sagen Sie mal, Frau Hirsch­feld, was ist eigent­lich in der Roseg­ger­straße los?“ Die Mutter: „Da wird Kanal gelegt.“ Das erklärte die Situa­tion.

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Das Haus war geräumig und ver­fügte über drei Stock­werke. Der Garten war herr­lich und rie­sen­groß. Heute ist er mit vier statt­li­chen Häu­sern bebaut. Damals fehlte weder eine Rosen­an­lage mit Per­gola noch ein Was­ser­be­cken mit Spring­brunnen, ein rich­tiger Ten­nis­platz, ein Gemüse- und Obst­garten mit einer Menge Birn­bäumen. Wir konnten keine Birnen mehr sehen und tauschten sie in der Schule gegen Äpfel oder Zwet­schen.

Zum Gemü­se­garten war es weit, und wenn wir sams­tags die Gar­ten­wege rechen mußten, war das nicht gerade zu unserem Ent­zü­cken, selbst wenn wir nach getaner Arbeit zehn Pfen­nige kas­sieren konnten.

Den Ten­nis­platz mußten wir selbst in Ord­nung halten. Das war nicht ein­fach. Die große Walze war schwer, und das Nach­ziehen der weißen Mar­kie­rungen mühsam. Hierzu wurde ein langes Gestell aus zwei Latten benutzt, die so zusam­men­ge­fügt waren, daß ein Zwi­schen­raum in der Breite der Striche blieb. Die Mar­kie­rung wurde mit­tels eines kurz­stie­ligen Bürs­ten­pin­seln, der mit Wasser getränkt wurde, bewerk­stel­ligt. Durch das dau­ernde Bücken tat hin­terher der Rücken ganz schön weh, aber das Ten­nis­spielen mit Freun­dinnen oder dem Vater wog alles auf.

Es war klar: Haus, Garten, Ten­nis­platz – alles ver­lockte zur Gesel­lig­keit; das Tor stand immer offen. In der Küche hing das Brett mit der ein­ge­brannten Inschrift:

„Sechs sind geladen, zwölf sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle will­kommen!“

Seite 49

Das Leben in der Roseg­ger­straße war fröh­lich und unbe­schwert. Mit Nach­bars­kin­dern gab es guten Kon­takt. Die Buben hatten ein Aqua­rium mit vielen Fischen, außerdem einen großen Käfig mit aus­län­di­schen bunten Finken. Im Garten waren einige Kanin­chen­ställe. Zur Familie gehörte auch ein unge­zo­gener, aber von uns geliebter Schä­fer­hund. Doch eines Tages hatte er eines unserer Kanin­chen nicht nur getötet, son­dern auch richtig auf­ge­fressen. Da bekamen die Eltern Angst, er könne dem kleinen Oskar etwas antun. So wurde der Hund weg­ge­geben. Wir weinten bit­ter­lich.

Daß wir von der Roseg­ger­straße aus einen weiten Schulweg hatten, machte uns nicht aus. Im Winter und bei schlechtem Wetter wurde die Stra­ßen­bahn benutzt, oft auf dem Tritt­brett mehr hän­gend als ste­hend – im Sommer nahm man das Fahrrad.

zur Eichen­dorff­straße 35:

Seite 202 [nachdem die zwi­schen­zeit­liche Woh­nung in der Fried­berger Land­straße wäh­rend eines Luft­an­griffs vom 18.3.1944 zer­stört wurde]:

Die Eichen­dorff­straße liegt zwi­schen Innen­stadt und dem Stadt­teil Eschers­heim. Als ich jung war, standen hier nur wenige Häuser. Die Straße, die später Am Dorn­busch hieß, war damals ein breiter Feldweg mit dem schönen Namen Diebs­grund. Mit der Zeit ent­stand um den Diebs­grund herum eine ansehn­liche Vil­len­ge­gend. Wäh­rend der Kern Frank­furts in den März­tagen zu 80 Pro­zent zer­stört wurde, war man hier bisher ver­hält­nis­mäßig glimpf­lich davon­ge­kommen. Hier ver­suchten wir nun, uns zu behei­maten.

Seite 207

Der Weg von der Eichen­dorff­straße zur Innen­stadt nahm täg­lich viel Zeit in Anspruch. Wochen­lang fuhren ledig­lich einige Busse die Strecke Eschers­heim bis zur Adi­cke­sallee. Aber am Dorn­busch war kein Mit­kommen mehr mög­lich, die Busse waren besetzt, und auf den Tritt­bret­tern hingen die Men­schen wie Trauben. Am besten, man ent­schied sich gleich für den Fuß­marsch. Der erste Kilo­meter war nicht so schlimm, aber dann wurde es oft grausam. Immer wieder Toten­kopf­schilder, die auf beson­dere Gefahren auf­merksam machten, Trupps mit Press­luft­ge­räten, die ver­suchten, Ver­schüt­teten Sau­er­stoff zuzu­führen, um sie zu retten. Manchmal lagen ganze Häuser auf der Straße. Man kam nicht weiter und musste Umwege in Kauf nehmen.

Seite 211

Zufällig ent­deckte ich vor einiger Zeit in der ‚Doku­men­ta­tion zur Geschichte der Juden 1933–1945‘ fol­gende Akten­notiz des Zel­len­lei­ters der Orts­gruppe 08/​Dornbusch: „In der Zel­len­lei­ter­be­spre­chung vom 29. November 1944 wurde uns auf­ge­geben, alle Misch­linge ersten Grades anzu­geben, welche die Gestapo sam­meln will, um sie in Arbeits­lager zu über­führen. Ich gab Dr. Schein­berger, Gustav Frey­tag­straße 1, an, mit dem Bemerken, daß es sich bei ihm um einen Ungarn han­dele.“

Ob der Zel­len­leiter nichts von uns wußte, ob er uns ver­gessen hatte oder – und das gab es auch – ein anstän­diger Zeit­ge­nosse war? Oder ob uns die Unwahr­heit gerettet hatte, weil wir den Zwangs­namen ‚Israel‘ bei der poli­zei­li­chen Anmel­dung des Vaters unter­schlagen hatten?

Seite 215

Am Sonntag, dem 4. März [1945], war ich gerade dabei, den Eltern das Früh­stück zu richten, um es ihnen ans Bett zu bringen.

Kurz vor neun Uhr klin­gelte es. Ich ging runter und machte auf. Draußen standen zwei Herren, die sich als Gestapo-Beamte aus­wiesen. Sie ver­langten, den Herrn Hirsch­feld zu spre­chen. Mir ahnte Schreck­li­ches. Sollte ich sagen: „Er liegt noch im Bett und wartet auf sein Früh­stück?“ Nur das nicht. Ich erklärte so ruhig wie mög­lich, woher ich den Mut nahm, weiß ich nicht: „Der Herr Hirsch­feld macht gerade seinen Mor­gen­spa­zier­gang.“ Die Herren nahmen es zur Kenntnis, machten sich eine Notiz und bemerkten, der Herr Hirsch­feld solle sich vor 12 Uhr in der Lin­den­straße ein­finden […] Noch nie habe ich so vor Angst gezit­tert wie in diesen Minuten. Lin­den­straße! Das berüch­tigte Gestapo-Haupt­quar­tier, im Volks­mund ‚Der Palast der Angst‘ genannt […]

Eine knappe Stunde später waren wir unter­wegs nach Hed­dern­heim. Wir mar­schierten über Feld­wege bis zur dor­tigen Sta­tion der Stra­ßen­bahn­linie 25. Es schien uns zu gefähr­lich, an einer Hal­te­stelle in Nähe Dorn­busch zu warten […] In Bad Hom­burg ange­kommen, suchten wir das befreun­dete Ehe­paar Sto­erck auf.

Seite 224 [nach der Befreiung Frank­furts durch die Ame­ri­kaner, April 1945]

Schon kurz nach seiner Rück­kehr wurde der 79jäh­rige Vater aktiv. Die Tat­sache, daß jetzt viele Leute Eng­lisch lernen wollten, brachte ihn auf den Gedanken, Unter­richt zu geben, beherrschte er doch die Sprache per­fekt. Die ersten, meist erwach­senen Schü­le­rinnen und Schüler fanden sich durch münd­liche Emp­feh­lungen ein. Als wenig später eine gewitzte Laden­be­sit­zerin am Dorn­busch auf die Idee kam, ein „ Schwarzes Brett“ aus­zu­hängen, auf dem man für eine Reichs­mark Zettel anste­cken konnte, wurde hier „ inse­riert“, und die Kund­schaft nahm zu. […] Das Inse­ra­ten­brett war uns noch einmal nütz­lich. Wir hatten wochen­lang kein Wasser. Das unent­behr­liche Naß mußte in einem etwa 600 Meter ent­fernten Gar­ten­grund­stück gepumpt und dann nach Hause geschleppt werden. Das war für die Eltern unmög­lich, auch für mich zu viel. Also suchten und fanden wir per „Inserat“ eine Was­ser­trä­gerin.

Seite 229

In der Stadt wurde fie­ber­haft daran gear­beitet, die Ver­kehrs­wege frei­zu­schau­feln, die Stra­ßen­bahn­ge­leise aus­zu­bes­sern, aus­ge­brannte Stra­ßen­bahn­wagen wieder ver­kehr­stüchtig zu machen und die Ober­lei­tungen zu repa­rieren. Das alles ohne Maschinen, dafür mit den pri­mi­tivsten Geräten, die man­cher Arbeiter von zu Hause mit­brachte. Es war ein Wunder, daß bereits Ende Juli eine Reihe von Teil­stre­cken in Betrieb genommen und sogar ein magerer Fahr­plan erstellt werden konnte. Wir hier am Dorn­busch hatten aller­dings Pech und mußten noch die lange die stra­pa­ziösen Fuß­mär­sche machen.

Aber ins­ge­samt kamen nach und nach aller­hand Erleich­te­rungen: Das lang ent­behrte Tele­fon­klin­geln war wieder zu hören, Wasser gab es stun­den­weise, bei West­wind konnte man hin und wieder den Pfiff einer Loko­mo­tive ver­nehmen – ein Anzei­chen dafür, daß die Eisen­bahn in Gang kommen könnte.